Cavalcata Sarda – Sardiniens schönstes Fest
… und was sie mit dem aufrechten Gang zu tun hat
von Marita Brune-Koch*
(10. Juli 2026) (CH-S) Die Cavalcata Sarda findet jedes Jahr im Mai in der sardischen Stadt Sassari statt. Unsere Autorin hat sie besucht.
Neun Uhr morgens in der Innenstadt von Sassari, Sardinien. Langsam kommen aus allen Richtungen Menschen. Wir sind sehr pünktlich, trinken noch einen Kaffee in einer der zahlreichen Bars. Dann spazieren wir gemütlich zum Schauplatz des angekündigten Geschehens. Eine grosse Tribüne ist aufgebaut. Es sitzen erst wenige Leute dort. Die Tribüne ist wohl für Ehrengäste, man kann sich aber auch ein Ticket kaufen. Wir geben uns mit einem Stehplatz gegenüber der Tribüne zufrieden, so sind wir mitten unter den Menschen, bekommen die Stimmung mit. Vor den Absperrgittern am Rand der Strassen sammeln sich langsam zahlreiche Schaulustige.
Schönheit, Stolz, Würde, Freude
Endlich geht es los. Berittene Polizisten in ihren schicken Uniformen reiten voraus. Eine Musikgruppe stimmt ein. Dann kommt die erste Gruppe in Sicht: Frauen in wunderschönen Trachten, in den Händen Körbe mit dem typischen Brot ihres Dorfes, ziehen ruhigen Schrittes an uns vorbei. Nach und nach kommt Gruppe für Gruppe, jede Gruppe präsentiert die Tracht ihres Dorfes und zeigt stolz die Produkte ihrer Region: Brot, Süssigkeiten, Weintrauben, Öle. Die Jüngsten werden auf dem Arm getragen, auch sie schon in Tracht. Sobald sie können, laufen sie stolz mit. Familien mit Kindern, Gruppen von jungen Männern oder jungen Frauen, Kindergruppen, ältere Ehepaare, junge Burschen, die stolz ein Mädchen führen.
Dazwischen junge Burschen wie aus der Fasnacht bei uns: Mit Tierfellen und erschreckenden Masken führen sie wilde Tänze auf, schwingen Lassos und fangen damit junge Mädchen ein, die am Rande zuschauen. Immer wieder Musikgruppen mit Organettos – Knopfakkordeon, Gitarren, und auch der Launedda, der typisch sardischen Flöte.
Inzwischen hat sich die Tribüne bis auf den letzten Platz gefüllt und auch am Strassenrand, wo wir stehen, schauen sehr viele Menschen zu.
Vielfalt in Tradition: die Trachten
Es gibt einige Konstanten im Schnitt der Trachten: Frauen und Mädchen tragen lange Röcke und ein Kopftuch, das aber das Gesicht frei lässt, weisse Hosen und darüber kurze schwarze rockartige Überwürfe bei den Männern. Doch die Vielfalt an Formen, Farben und Ausgestaltung ist riesig. Unsere Bilder geben einen kleinen Eindruck davon.
Es liegt so viel Stolz und Ehrgefühl in der Haltung der Männer und Frauen, ja sogar schon der Jugendlichen, die an uns vorbeiziehen. Stolz auf die Schönheit ihrer Traditionen, auf ihre Kinder und Familien, auf ihre Produkte. Und auch Freude sehen wir, offene, unverstellte Freude.
Waghalsige Reiterakrobatik
Zweieinhalb Stunden geht der Zug mit über 3000 Teilnehmern aus zahlreichen Orten Sardiniens an uns vorbei. Inzwischen ist die ganze Stadt auf den Beinen. Alle Cafés und Restaurants sind gefüllt, von überall her tönt laute Musik, die Stimmung ist ausgelassen und festlich. Nach einem kurzen Imbiss nehmen wir den Weg zur «Ippodromo Pinna», der Pferderennbahn. Dort erwartet uns eine Reitervorführung. Edle Pferde mit kostbar geschmückten Sätteln und Zaumzeug defilieren an uns vorbei. Dann führen junge Frauen und Männer in rasendem Galopp waghalsige Kunststücke vor. Ein atemberaubendes Spektakel.
Tanz: Not for Show – aber anspruchsvoll
Am Abend wird der Ballo Sardu, ein sardischer Tanz, zu der Musik von Launeddas und dem Organetto aufgeführt. Die Tänzer fassen sich bei den Händen und bilden einen Kreis. Beim Tanz bleibt der Oberkörper anmutig und ruhig, während die Beine schnelle, präzise rhythmische Schritte ausführen. Auf uns wirkt es so, als passiere gar nicht viel, als sei es sehr einfach, diesen Tanz aufzuführen. Ich hörte von einem Sardinien-Besucher aus Deutschland, der versucht hat, mitzumachen. Er sei sofort über seine Beine gestrauchelt, es sei unmöglich gewesen, diese Bewegungen mitzumachen. Dieser Tanz ist offensichtlich nicht als Showtanz gedacht, fürs Publikum, sondern er dient der Freude und der Gemeinschaftsbildung der Tänzer, sicher auch der Identitätsstiftung.
Luigi Lai: «Die Launeddas sind mein Leben»
Schliesslich betritt ein offensichtlich sehr alter Mann die Bühne, vom Publikum stürmisch begrüsst. Er wird vorsichtig gestützt. Es ist Luigi Lai, ein sardischer Musiker mit Weltruf. Er spielt die Launedda, ein Instrument aus drei dünnen Röhren – so stellt es sich für uns dar.
Als er die Launedda ansetzt, sind wir nicht darauf gefasst, was wir dann hören: Ein unglaublich voller Klang, es tönt wie ein ganzes Orchester. Kraftvoll bläst er die Backen auf und gibt ein volltönendes Konzert von grosser Länge. Vom Alter ist nichts mehr zu spüren. Wir hatten keine Ahnung von diesem ältesten Blasinstrument des Mittelmeerraumes. Luigi Lai spielte auf allen grossen Bühnen der Welt zusammen mit grossen Virtuosen der zeitgenössischen Musik und er gab seine Kunst weiter an die nächste Generation in einer von ihm gegründeten Musikschule.
Tradition und Moderne: Passt!
Vor uns im Publikum, das dem Spiel des 94-jährigen Meisters lauscht, steht auch eine Gruppe junger Mädchen: Schwarze Lederjacken, Miniröcke, perfekt geschminkt für den Ausgang. Sie werden sicher heute Abend noch moderne Musik hören, vielleicht dazu tanzen, aber hier applaudieren sie begeistert dem Meister ihrer Heimat. Das eine schliesst das andere nicht aus. Tradition lässt sich leben und lieben, ohne die Moderne auszuschliessen.
Echt oder touristisch?
Verschiedene Freunde, denen wir von der Cavalcata Sarda erzählt haben, äusserten den Verdacht: «Ist das nicht nur touristisch?» – Ich muss gestehen, ich hatte auch diesen Gedanken, als wir beschlossen, das Fest zu besuchen. Es hat sich herausgestellt, dass hauptsächlich Einheimische feierten, jedenfalls haben wir bei keinem der Anlässe andere Sprachen als Italienisch und sardisch gehört. Ist es uns schon so fremd, dass Menschen sich mit ihrer Tradition identifizieren, dass sie sie lieben und feiern?
und ein Kopftuch, das aber das Gesicht
frei lässt, Männer weisse Hosen und kurze
schwarze Überwürfe.
Klar, an der Basler Fasnacht freuen sich auch viele Touristen. Ebenso wie am Kölner Karneval oder dem Alpabtrieb im Appenzell. Aber alle diese Anlässe würden auch ohne jeden Touristen stattfinden: Weil die Menschen ihre Traditionen lieben, sie lieben ihre Heimat, sie identifizieren sich mit den Bräuchen und Festen, sie erleben Gemeinschaft dabei, Zusammengehörigkeit und Freude. Und wenn wir als Touristen dabei sind, dürfen wir auch ein wenig teilhaben.
Stärke – um Nein zu sagen zum Krieg
Immer wieder gibt es Stimmen, die solche Traditionen verächtlich machen. Offensichtlich ist es manchen nicht geheuer, dass Menschen sich in ihrer Heimat mit ihren Bräuchen verbunden fühlen und sie pflegen.
Aber es gilt zu bedenken: Diese identitätsstiftenden Traditionen stärken die Menschen, erfüllen sie mit Stolz auf ihr Eigenes. Starke Menschen mit dem Bewusstsein ihrer Identität und Verbundenheit mit ihren Mitmenschen – auch über mögliche Meinungsverschiedenheiten hinweg – sind in der Lage, auf ihre eigene Stimme zu hören, eigene Gedanken zu entwickeln und auch danach zu leben. Das ist keine Garantie, dass Menschen Nein sagen zu Unrecht und Krieg, aber es erhöht signifikant die Fähigkeit, das zu tun.